Essay zu "UNTER SCHALL – Gedichte im Zweiklang"
 

DIE FURCHE Nr. 18/1.Mai 2008

F E U I L L E T O N

„… wie leib und seele …“

ein autor-verleger-verhältnis ist trotz aller differenzen
ein vertrauensverhältnis.aber warum so pessimistsich.
es gibt auch glückende beziehungen.

VON SEMIER INSAYIF

posta prioritaria. ich öffne den umschlag. ein brief. 15.11.2006. die kopfzeile nennt vor- und familiennamen. dann ein kursivgesetztes wort. gefolgt von einem ebenfalls kursiv gesetzten buchstaben. ein punkt folgt…
Siegfried Höllrigl. Offizin S. …

Herrn
Selim Insayif

das „y“ mit blauer tinte. handgeschrieben. überdeckt einen schwarzen buchstaben. mit schreibmaschine geschrieben. nicht mehr lesbar. ein „x“ vielleicht oder ein „z“? etwas in mir fühlt sich angesprochen. angeregt. assoziiere. mich. meinen namen. „semier“. ein platzhalter. „der unterhalter/der geschichtenerzähler bei nacht“. wird zu „selim“. „der friedfertige/der gesunde“. zu „selim und die gabe der rede“. zu einem buchtitel. einer geschichte. also. zu meiner phantasie … und wieder zurück zum brief. „Da ich in meiner Handpresse in Meran den nächsten Jahrgang der Reihe « Lyrik aus der Offizin S. » mit Jahresthema Musik vorbereite, …“ worte eines verlegers. eine einladung. „…an Ihrer Arbeit interessiert … an Ihrer Beteiligung und Autorschaft …“, so heißt es weiter. die worte mit bedacht. gewählt. freundlich. doch etwas scheint anders. ungewöhnlich. der atem. die schrift. das papier. aus einer anderen zeit. am ende.

keine e-mail, kein handy

die bitte um antwort. entweder brieflich. keine e-mail. oder telefonisch. nur über festnetz. kein anrufbeantworter. kein mobiltelefon. keine mailbox. verlangsamung. lässt mich durchatmen. entschleunigung. ein seufzen. zieht mich zurück in das geschriebene. in seine zwischenräume. so könnte poesie entstehen. außerkraftsetzenvonzeit. in schwebe. der verleger ein künstler? seine haltung programm? auf diesem feinen stück papier. tastbar. alte buchdrucktechnik. beinahe vergessen. gleite ab. lese wort für wort noch einmal. „ja“, so meine antwort, „ich will“. arbeite aktuell an gedichten. inspiriert durch arabische musik. arabische wortklänge werden versatzstückartig den deutschsprachigen versen dazwischengeschoben. hallen voraus. klingen nach. fügen sich nicht. und doch zusammen. erste gedichtproben von wien nach meran. stille. der weg. ein weiter. warten. ein nächster brief. ein „ja“ auf ein „ja“. künstlerische buchdruckwerkstatt für literatur, typographie und graphik in meran. gedicht- und wortschmiede in wien. die arbeit kann beginnen. die beziehung. und somit ein weiteres kapitel zwischen einem verleger und einem autor. wenn auch in aller stille. wenn auch unter speziellen vorzeichen. aber ist das nicht immer so? in aller uneinschätzbarkeit?
die sozialgeschichtlichen voraussetzungen mögen sich ändern, bestimmte menschliche verhaltensweisen und daraus sich ergebende fehler, freundschaften, probleme, freuden und schwierigkeiten wiederholen sich. so heißt es. so liest man. wieder wieder und immer wieder. widerstand. des einen zum andern. die reibung scheint wichtig. wichtiger als die harmonie? vielleicht gleichgewichtig für die beziehung. hängt sie doch immer von den idividuen selbst ab. »Im idealen Verhältnis muß der mit mir arbeitende Verleger, wo er meine Ideen zur Ausführung wert befunden hat, mich treiben, als Schwungrad wirken« – so hugo von hofmannsthal 1924 an seinen verleger. manch autorIn würde es sich verbitten getrieben zu werden. und doch geschieht es. für die einen ein leid. für andere ein sehnsüchtiger wunsch. antreiben als zuwendung. lebendige anteilnahme. und der verleger? eine art geburtshelfer oder wenigstens geburtsbegleiter? die dichtungswehen unterstützend? der verleger als hebamme? ein bild des schreckens oder ein insgeheimer wunsch!? der verleger als motor und mäzen, freund und kritiker, visionär, problemlöser und idealist mit seiner großen leidenschaft zum medium buch? oder doch nur geschäftsmann?

13.1.2007

„… Für den Druck eines solchen Manuskriptes gibt es nicht unerhebliche Probleme, es braucht viel guten Willen …“ ist verständlich. aber unumgänglich. „…notfalls doch auf die arabische Schrift verzichten …“. nein! unter keinen umständen. verzicht ist keine alternative. so meine antwort.

dieser „mein“ verleger ein hartnäckiger, ein kritischer, ein leidenschaftlicher buchliebhaber.

in einem artikel, folgende zeilen: "Die Beziehung eines Autors zum Verleger", wie auch die "des Verlegers zum Autor ist vielschichtig und kompliziert und selten auf das Manuskript beschränkt." Dem Satz von Horaz, dass Schriftsteller "problematische Naturen" seien, kann sich Suhrkamp Verleger Siegfried Unseld vorbehaltlos anschließen. Und er fügt hinzu: "Doch vielleicht sind auch Verleger problematische Naturen."

davon können autoren lieder singen. gedichte schreiben. geschichten erzählen. denn ein stück nacktheit liegt immer in einem vorgelegten text - ein stück autorenseele. und dann warten auf das urteil anderer. doppeltes existentielles abhängigkeitsverhältnis.

an einer anderen stelle lese ich: „Was wäre der Verleger ohne den Autor? Ein Nichts, ein Niemand, der nichts anzubieten hätte außer schwarzen Lettern und weißem Papier! Was der Autor ohne den Verleger? Ein ungelesener, unbekannter Jemand, der seine an die Menschheit adressierten Jahrhundert-, wenn nicht Jahrtausendwerke für die Schublade sekretiert!“

29.1.2007

„…Den Satz mit meinen technischen Möglichkeiten so zu machen, wie Sie sich das wünschen, ist unmöglich, aber gerade darin steckt der Reiz.“ was für ein satz. von einem verleger. „mein“ verleger zuallererst ein poet des büchermachens. traum aller autoren. alptraum aller finanzberater. „…Allerdings sind Sie selbst dabei gefordert, wenn Sie sich auf ein solches Abenteuer einzulassen wünschen. Ich sehe derzeit eine Lösung … mache Abzüge, …, darauf müsste kalligraphisch das arabische eingefügt werden“. gemeinsames abenteuer gewünscht. was für ein glück. was für ein kerl. „mein“ verleger!
was also muss ein verleger sein? ein abenteurer? ein mitstreiter? ein begleiter? oder doch eher eine vater- oder mutterfigur? wo sind übrigens verlegerinnen zu finden? verlegenheit! und der autor? kreatives störrisches kind? das gehegt und gepflegt werden möchte. um entweder selbst auf die welt zu kommen oder im schreibspiel beim leid- und lustvollen textgebären unterstützt zu werden? der verleger als psychoanalytiker? damit der autor furchtbar wie fruchtbar regrediert. weitere wildwuchernde spekulationen. und jedes bild, jedes wort trägt zur manifestationen klischeehafter typologien bei. auf diesem feld tummeln sich die unterschiedlichsten geschmacksverstärker z.b. die überlieferung folgenden autorenausspruchs: ”Was die Gebärmutter für ein werdendes Kind, das ist der Verlag für einen Autor. Deshalb bitte keine störenden Eingriffe bei Gebärmutter und Verlag!”

8.3.2007

handgeschrieben. mit blauer tinte: „So ist der Anfang gemacht. Le commencement est un dieu!“ und im umschlag ein ausstellungskatalog. THE RIGHT TO WRITE. Calligraphic works from the collection of the jordan national gallery of fine arts.

im mai 2007 eine erste persönliche begegnung. in innsbruck. zusammen. ver/stehen. sitzen. reden. ver/trauen.

roniger, verleger des malerpoeten kreidolf, an einen freund: „Ein Verlag, soll er sich entwickeln, muss genau mit dem gleichen Geschäftssinn betrieben werden wie eine Käsehandlung und die meisten Verleger sind in ihrem Denken und Empfinden auch nichts anders als Käsehändler.“

2.7.2007

„Lieber Semier. Bitte überprüfe alles … weiss noch nicht genau, wie´s technisch weitergeht. Das beste wird sein, dass ich das Ganze nach Einfügung des Arabischen zurückverkleinert auf eine Platte übertrage …“

schopenhauer: "Mein lieber Setzer! Wir verhalten uns zueinander wie Leib und Seele, müssen daher, wie diese, einander unterstützen, auf daß ein Werk zu Stande komme, ...- Ich habe hierzu das Meinige gethan (. . .). Jetzt thun Sie das Ihre.“

„mein“ verleger, der poetische kunstsetzer hat das seinige getan! aber wer ist nun leib? und wer ist seele?

 
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