| Ein
Spiel, das mit dem Spieler spielt
Semier Insayif und Martin
Hornstein lassen Libellen tanzen
Die Libellen Tänze von Semier Insayif und Martin
Hornstein sind ein ungewöhnliches Projekt. Musik und
Literatur zu kombinieren ist nicht neu. Schließlich
findet wöchentlich irgendwo eine Lesung statt, in der
ein altgedienter Burgschauspieler in Begleitung eines Cellos
Rilke-Gedichte vorträgt. Die Libellen Tänze
sind hingegen ein neuartiger Leckerbissen, der aus zwei Gerichten
besteht. Den eigens dafür aufgenommenen Bach-Suiten,
für die Martin Hornstein, der Gründer des Altenberg
Trios verantwortlich zeichnet, und den Gedichten von Semier
Insayif, den das deutschsprachige Publikum unter anderem von
seinem letzten Gedichtband Übergänge verkörpert
kennt.
Zum ersten Mal sind Musik und Lyrik nicht dazu da, um einander
zu umschmeicheln, sondern, aufeinander abgestimmt, die Struktur
des anderen zu durchleuchten. Das rationale Verstehenwollen
nach abendländischer Tradition erweist sich hier nicht
als die richtige Methode des Begreifens. Sobald die Bach´schen
Suiten und Insayifs Gedichte zu einem Ganzen zusammengeschmolzen
sind, ist der Leser besser beraten, den im Titel verborgenen
Ratschlag zu beherzigen. Sich das Kunstwerk „lesend
zu ertanzen“. Aus der Perspektive einer Libelle.
Dass dieses Konzept aufgeht, ist der Lyrik Semier Insayifs
zu verdanken, der sich in die Materie der Bach´schen
Musik tief genug hineingearbeitet hat, um Verse von geheimnisvoller,
geradezu mathematischer Ausgeglichenheit dem großen
Komponisten an die Seite zu stellen. Früher oder später
kommt es zu einer willkommenen Umkehrung - der Leser wird
zum Hörer und umgekehrt – wer hört, hat das
Gefühl, Bachs Musik verwandle sich in Geschriebenes.
Dem Einwurf, die experimentelle Lyrik könnte hier die
Aufgabe nicht so meistern wie vielleicht die Jamben und Trochäen
Goethes, soll die Lebensauffassung des Autors ent-gegengestellt
sein: „Experimente sind da, um sich auf sie einzulassen“.
Überraschenderweise erweist sich experimentelle Lyrik
im Zusammenhang mit Bach, von dem man behauptete, „sein
Urelement sei die Einsamkeit, er wolle belauscht sein“,
als besonders treffend. Am Ende fügt sich alles langsam
zu einem Tanz einer Libelle (lateinisch „Wasserwaage“)
zusammen, die für Harmonie und Beständigkeit steht.
Es ist ein Spiel das mit dem Spieler spielt. Und dieses Spiel
könnte auch heißen: Jeder weiß, dass eine
Libelle schön, aber unmöglich zu fangen ist.
Radek Knapp
Standard Album, 30. Oktober 2004
Semier Insayif, Martin Hornstein: "libellen tänze"
Gedichte treffen auf sechs Cello Suiten: Klangsinnlichkeit zum
Abheben
Semier Insayifs fingerfertige Poesiepartituren
Für all jene die bereits Gelegenheit hatten, den Wortdompteur
und Sprachakrobaten Semier Insayif im Rahmen einer Veranstaltung
leibhaftig zu erleben, bietet "libellen tänze"
Bekanntes und Überraschendes: Semier Insayif verleiht
der Sprache Flügel.
Wer noch nicht das Vergnügen hatte, den Autor bzw. sein
Werk kennen zu lernen, dem ist dies nun anhand von "libellen
tänze" vergönnt, und zwar sowohl als Lese-
wie auch als Hörgenuss.
Verschriftlichte Gedichte ohne Melodien sitzen bekanntlich
gewissermaßen "auf dem Trockenen" und führen
darob zumeist ein Schattendasein am Rande des Publikumsinteresses;
ein Schicksal, das sie übrigens mit Bachs Suiten für
Violoncello solo, (denen erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts
gebührende Aufmerksamkeit zukommt), teilen.
Insofern fügt das Projekt "libellen tänze"
zusammen, was eines Ursprungs ist: Worte und Klänge.
Eine für beide Formen des künstlerischen Ausdrucks
vorbildliche Kooperation, wobei - nur damit kein falscher
Eindruck entsteht - Semier Insayif seine Texte keineswegs
zu den Cello Suiten singt, sondern jedem der beiden Künstler
Raum zur individuellen gepflegten Entfaltung zur Verfügung
steht.
Die Audio-CD, welche dem Lyrikband beigeschlossen ist, präsentiert
einen nachdenklich und verhalten bis zerbrechlich deklamierenden
Semier Insayif, der in konzentrierter Spannung seine Gedichte
zu Gehör bringt, und Martin Hornstein lässt den
Bogen auf den Saiten tanzen, zaubert Polyphonien auf seinem
Instrument, die noch lange im Gemüt des Lauschenden nachhallen.
Die CD bietet glanzvolle Aufnahmen von Johann Sebastian Bachs
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts komponierten
Cello Suiten 1-3 im Wechsel- bzw. Zusammenspiel mit von Semier
Insayif in einem bisweilen an Paul Celan erinnernden Tonfall
vorgetragenen Gedichten - im übertragenen Sinn werden
quasi "alle Register gezogen": Musik und Sprache
vereinen sich zu einem melodischen Wohlklang, verschmelzen
zu einem rasanten, wendigen nichtsdestoweniger präzisen
Geflecht.
Sind auch Semier Insayifs Texte nicht unbedingt liedhaft im
herkömmlichen Sinn, vollbringt der Autor das Kunststück,
seinen einmal beschleunigenden, dann wieder zerhackten oder
auch bedächtig schwingenden Schöpfungen Leben einzuhauchen,
wobei es bei seinen Lesungen oft nicht beim "Einhauchen"
bleibt: Semier Insayifs Interpretationsrepertoire umfasst
neben Zischlauten auch Raunen, Schreien und Keuchen, was die
vor Vitalität strotzenden Darbietungen des "Textdarstellers"
wohltuend von jenen vieler anderer zeitgenössischer Literaten
unterscheidet.
Aus der intensiven Zusammenarbeit des Schriftstellers mit
dem Musiker auf Grundlage der Bach'schen Suiten und der gegenseitigen
Inspiration entstand die "elaborierte Struktur"
des Gedichtreigens, welche Roland Leeb in seinem Nachwort
ausführlich erläutert.
Als Suite wird übrigens eine bestimmte Kompositionsform,
bestehend aus einer Abfolge verbundener (echter oder auch
stilisierter) Tanzsätze, zu denen z.B. Allemande, Courante,
Sarabande und Gigue gehören, bezeichnet.
Der besondere Reiz der Gedichte dieses Bandes ergibt sich
ausgehend vom Wesen der Suiten: Gelegentlich wird spielerisch
auf Konsonanten verweilt, als weitere Stilelemente wären
u.a. Alliteration, Betonung, Pausen, Tonbindungen und Trennungen
anzuführen; manche Gedichte wirken unterbrochen, als
wären sie gerade noch der Schere eines Tontechnikers
entschlüpft.
Diesen Kriterien tragen auch die verschriftlichten Texte Rechnung,
indem von jedem Gedicht jeweils sowohl die lautliche Interpretation
als auch die sozusagen "ausgeschriebene" Fassung
dargestellt ist, wobei auch - wie bei einer Partitur - Anweisungen
für die Darbietung in kursiver Schrift gegeben werden,
wie folgendes Beispiel (suite nr. 1 in g-dur; "blau -
hebend sich so an"; prélude) illustriert:
r heb nd sich als körp r steig nd auf
aus sein n häut n häut nd sch lüpft b schwingt
r wach nd frei aus blind heit teich vergess n
nt deck nd sel bst aus flüg l at m sicht
adonis gleich azur als jungf r hebt
r sch raub nd sich zum bog n saum des himm ls
so hebt ein körper sich hinauf ins blau
aus seinen häuten häutend schlüpft beschwingt
erwachend frei aus blindheit teich vergessen
entdeckend selbst aus flügle atem sicht
adonis gleich azur als jungfer hebt
er schraubend sich zum bogen saum des himmels
ellen lang den atem schroff ins schorf geflügelt
Im Duden-Herkunftswörterbuch findet sich unter Libelle
folgende Eintragung: "Das vom Volksmund mit zahlreichen
Namen wie 'Wasserjungfer', 'Schleifer', "Augenstecher"
bedachte Raubinsekt (mit vier glashellen Flügeln) wurde
von den Zoologen im 18. Jahrhundert mit dem lateinischen Wort
libella "(Wasser)waage; waagrechte Fläche"
(...) benannt, in Anspielung auf seinen gleichmäßigen,
ausgewogenen Flug mit waagrecht ausgespannten Flügeln."
Welch wundervolles Bild für diese beispielgebende künstlerische
Zusammenarbeit: Der gleichmäßige, ausgewogene Flug!
(sandammeer.at, kre; 11/2004)
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 779
Libellen Tänze
Die Libelle ist ein aufregendes Tier, die Zoologen schwärmen
von ihr, Aviatiker nehmen sie als Vorbild, wenn sie neue Helikopter
entwerfen, und Poeten sind ganz hingerissen von der Fähigkeit
Stillstand und Flug in einen optischen Kopulationssound zu verpacken.
Kein Wunder also, dass der Kommunuikationspoet Semier Insayif
und der Cellist Martin Hornstein die Tänze der Libellen
als Inbegriff für das Zusammenspiel von Wort und Musik
empfinden. Ausgangspunkt sind die Cellosuiten Johann Sebastian
Bachs, die auf der CD einmal „heruntergespielt“
werden, wie man so schön im Volksmund sagt. Wenn sich das
Ohr an die mathematisch korrekten Abfolgen der Töne gewöhnt
hat, kommt das Auge zum Zug. Eine Ur-Partitur ist als Stammgedicht
über alle Texte gespannt. Damit man beim Lesen immer die
Über-Form im Auge hat, ist dieses Stammgedicht als Lesezeichen
eingefügt und wandert so von Untergedicht zu Untergedicht.
„so hebt ein körper sich hinauf ins blau/ worauf
verwebt ein tropfen schwarz als band/ im flügel teich erhitzt
lebt licht verwandt/ ein prachtsmaragd erbebt durchblitzt von
tau/ ganz auf zu tauchen still in harz gebannt/ libellen tanz
im taumel flug vermählt“
Diese Sub-Gedichte sind wie die Suiten Bachs ausgeführt,
Prélude, Allemande, Courante, undsoweiter. Da es immer
darum geht, diesen ewigen Libellenzustand zu transportieren,
sind die Gedichte angefüllt mit sogenannten Zeitwörtern
des Verweilens, dadurch stehen die Zeilen tatsächlich gleichsam
in der Luft.
Während der Cellist die Gedichte als gigantische Hommage
an Johann Sebastian Bach interpretiert, legt der Kommunikationspoet
ein Schäufelchen drüber und drunter.
Als Verbal-Banner oder poetisches Dauer-SMS läuft am Boden
der Seiten jeweils eine lyrische Zeile mit, während am
Kopf die Dekonstruktion des Gedichtes notiert ist. Auf den ersten
Blick wirken diese Reduktionsgedichte verstümmelt, aber
beim zweiten Lesen merkt man den Gewinn, der bei dieser Verknappung
entsteht.
Die Texte liegen schließlich als akustische Endlager auf
der CD gespeichert, wobei natürlich die verstümmelten
Gedichte gewöhnungsbedürftig sind, schwappt doch der
poetische Höreindruck anfangs in ein semantisches Krachen
über.
In einem Nachwort werden die raffinierten Verfahrensweisen dieses
poetischen Großversuchs genau aufgelistet, Musiker, Komponisten,
Lyriker und Poetologen kommen hier intellektuell voll auf ihre
Rechnung.
Selbst das benützte Cello hat als Teil des poetischen Ausdrucks
ein Recht auf genaue Beschreibung und erst recht der Bogen,
der die Saiten streicht. Die Saiten ihrerseits sind dabei so
etwas wie geheime Suiten, im konkreten Fall sind A und D aus
nacktem Darm, während G und C als mit Silber und Wolfram
umsponnene Grunddärme ausgeführt sind.
Libellen Tänze sind ein ästhetisches, poetisches und
intellektuelles Kommunikations-kunstwerk, das die Leser und
Hörer ausgiebig zu beschäftigen weiß.
Helmuth Schönauer 26/11/04
libellen tänze
libellen tänze ist Semier Insayifs dritter
Gedichtband. Bereits in seinem 1998 erschienenen Erstling 69
konkrete annäherungsversuche folgen streng gearbeitete,
mehrdeutige Texte den Regeln konkreter Lyrik, verknüpft
mit eingestreuten Hinweisen auf Vorbilder/Lehrmeister, allen
voran Ernst Jandl. über gänge verkörpert aus
dem Jahre 2001 verdichtet diesen anfangs weit gefassten Ansatz
zu klar komponierten Texten mit zwei Schwerpunkten: der an physikalische/mathematische/geografische
etc. Gesetze angelehnten strengen Form und der Konkretion von
Sprache in Bewegungsmustern.
Eben diesen Weg führt libellen tänze fort, worin Insayif
nicht mehr die Naturwissenschaften als formalen Ansatzpunkt
seiner Kompositionen wählt, sondern Johann Sebastian Bachs
Suiten für Violoncello, die dieser in den zwanziger Jahren
des 18. Jhdts. als Kapellmeister in Köthen komponiert hat.
Folgerichtig ist dem Buch auch eine feine CD beigelegt, auf
der die sechs Suiten zu hören sind, eigens für dieses
Projekt vom Cellisten Martin Hornstein eingespielt.
Die insgesamt 92 (6 x 15 + 2) sechszeiligen Gedichte des Buches
sind analog zu Bachs kammermusikalischem Werk in sechs Abschnitten
angeordnet. Die Zahl 6 dominiert die Buchstruktur; sechs Gedichte
pro Abschnitt (jeweils ein Prélude und fünf „Tanzgedichte“)
speisen sechs „Suitegedichte“, aus deren Anfangszeilen
sich wiederum das „Stammgedicht“ am Ende des Buches
zusammensetzt. Zusätzlich birgt jeder Abschnitt sechs „Verstörverse“
sowie sechs Sechszeiler, die den Inhalt der „Tanzgedichte“
variieren und verändern, indem sie durch das Weglassen
der beim Lesen einzelner Konsonanten automatisch mitgesprochenen
„e“-Vokale („r heb nd sich als körp r
steig nd auf“) das lautliche Eigenleben der Sprache hervorheben
und so deren schriftliche Endgültigkeit hinterfragen. Aus
den Anfangszeilen dieser Gedichte setzen sich weitere „Suitegedichte“
sowie ein zweites „Stammgedicht“ zusammen. Alle
Gedichte des Buches sind somit durch Binnenstrukturen auf zahllose
Arten miteinander verknüpft, sie bedingen einander und
erhalten einen großen Teil ihrer inhaltlichen Relevanz
aus der Verflechtung im strukturellen Kontext. Wiederholung
und Variation von Themen und Motiven, ein integraler Bestandteil
der Bachschen Suiten, führt in libellen tänze zu einer
verschachtelten, penibel durchkomponierten Textgestalt, die
zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten bietet.
Die spielerische Komplexität des Gedichtbandes, im sehr
hilfreichen, einer Gebrauchsanweisung ähnelnden Nachwort
des Lektors Roland Leeb zum Teil entschlüsselt, deutet
die Präzision und den Spielwitz an, mit denen Insayif an
die Arbeit mit Bachs Musik herangeht. Es geht ihm nicht darum,
diese erklären oder mit anderen Mitteln kopieren zu wollen.
Vielmehr begleitet er die Musik, schreibt ihr entlang seinen
eigenen Text, der keine Interpretation, sondern ein fast meditatives
Einlassen auf etwas Unbestimmtes, der Musik zugrunde Liegendes
ist, ein close-listening sozusagen, dem folgerichtig keine dem
Gehörten nachgeordnete Textsorte entspringt, sondern eine
Neukomposition mit anderem Material: der Sprache. Diese Abgrenzung
ist klug, da sie einen Vergleich mit der Musik einerseits, mit
sekundärliterarischen Erkenntnissen über die Suiten
andererseits von vornherein verhindert.
Der übergeordneten Bedeutungsebene der Gesamtkomposition
entsprechen zahlreiche weitere in den einzelnen Texten des Gedichtbandes,
die, wieder analog zu Bachs Musik, Rhythmus und Klang virtuos
variieren. Das Zusammenspiel inhaltlicher und formaler Elemente
ergibt tänzerische Bilder, die das durch die Cellosuiten
vorgegebene Stimmungsspektrum zwischen „wie klar entschnellend
hell“ (Suite Nr. 3, C-Dur) und „verweilend tief
im innern“ (Suite Nr. 5, C-Moll) abdeckt. Alles scheint
möglich: Wohlklang, Schönheit, Trauer, spielerische
Leichtigkeit und bleierne Erdenschwere, dumpfes Toben und kitschig
anmutendes Schwelgen durchziehen die Gedichte – stellenweise
wirkt Insayifs Buch fast wie ein Übungsbuch zu Vokalismus
und lyrischer Klangfärbung. Dennoch sind die Texte weder
„word music“ noch Lautgedichte, lässt Insayif
doch die lexikalische Integrität der Wörter weitgehend
unangetastet und betont gerade dadurch die Eigenständigkeit
seines Mediums gegenüber der Musik.
Auch das den Gedichten inhärente Tanz-Motiv ist nicht als
Abkupfern einer musikalischen Vorgabe zu verstehen. Im Kontext
der beiden früheren Insayifschen Gedichtbände entspricht
es der bereits angesprochenen Bewegungsthematik, weitergeführt
und, in eine andere Form gegossen, ausgebaut. Auch in libellen
tänze konkretisiert sich Sprache zu Bewegung, zu Tanz,
sie benötigt dazu weder die Beschreibung von Musik noch
jene einer wie immer gearteten Realität. Stattdessen, und
das ist, verglichen mit Insayifs bisherigen Arbeiten, das Neue
an diesem Buch, kommt nach vollzogener Konkretion ein Bild,
eine Metapher quasi von außen dazu: die Libelle. Dieses
titelgebende Insekt wird so zu einer Art mimetischer Krücke,
zu einem Rest Natur, der, während des gesamten poetischen
Prozesses ausgespart, metaphorisch erfolgreich Zutritt in Insayifs
(nicht mehr ganz) konkrete Welt einfordert. Warum? Ist das Vertrauen
in die konkretisierende Kraft der Sprache im Vergleich zu den
vorherigen Gedichtbänden kleiner geworden? Ist die Libelle
ein privates Eingeständnis des Autors, der Musik vergleichbare
Stimmungen nur mit Hilfe mimetischer Krücken erzeugen zu
können? In jedem Fall ist es ein spannender, rätselhafter
Kunstgriff, der das Lesevergnügen keineswegs schmälert
und die Neugierde weckt, wie es weitergeht im kleinen, feinen
Werk des Semier Insayif.
Manfred Christian Müller
Wespennest Dezember 2004
Bach und der Libellentanz
Ein ebenso sensibles wie schlicht spektakuläres
Projekt des Lyrikers
Semier Insayif: Silbenkompositionen zu Johann Sebastian Bach.
Dorthin, „wo hinter kerker glas die fühler
enden“, führt der Wiener Lyriker Semier Insayif die
Wahrnehmung seiner Leser in seinem neuen Lyrikband „libellen
tänze“. Inspiriert von Johann Sebastian Bachs „Sechs
Suiten für Violoncello“ spürt der Autor mit
seiner durchkomponier-ten Natursprache der Grenze zwischen Musik
und Sprache nach. Und scheint sie in seinen prägnanten,
schillernden Silbenkompositionen auch zu finden.
Insayif, der schon zu seinem letzten Band „über gänge
verkörpert“ einen akribischen, ja beinahe wissenschaftlichen
Zugang gesucht hat, wartet auch hier mit durchdachten Schreibmustern
auf. Sechs Suiten sechs Tänze, sechs Verszeilen: Ausgehend
von einem sechszeiligen „Stammgedicht“ arbeitet
er sich vor zu einzelnen „Suitengedichten“, deren
Struktur sich wiederum in den Gedichten zu den einzelnen Tänzen
wieder findet. Zusätzlich stehen am Ende der Tanzgedichte
„Verstörverse“, die in ihrer Gesamtheit das
jeweilige Suitengedicht konterkarieren.
So entsteht ein Geflecht aus 48 Gedichten, die allesamt bestimmten
Reim- und Rhythmusschemata folgen. Diese Struktur steht jedoch
dezent hinter den Texten. Das Schwebende, das nicht Fassbare
zieht sich durch den gesamten Band, lehnt sich stets an das
Hauptmotiv: die Libelle. Ihr Tanz fügt sich der Musik,
interpretiert und verbildlicht sie schlussendlich. Um die kreisenden
Bewegungen fassbar zu machen, konnte Semier Insayif den Cellisten
Martin Hornstein („Altenberg Trio“) für eine
Neuaufnahme der Suiten gewinnen. Daraus entstand die CD, die
diesem außergewöhnlichen Band beiliegt.
Sonja Harter
Kleine Zeitung, Samstag, 08. Jänner 2005
im taumel flug vermählt
Semier Insayif folgt in seinem dritten Lyrikband
den Cellosuiten Johann Sebastian Bachs
Wer meint, dass es zwischen einer Libelle und Bachs Cellosuiten
keine Berührungspunkte geben kann, irrt. Denn ein ungewöhnliches
und ambitioniertes Projekt des Autors Semier Insayif und des
Cellisten Martin Hornstein hat Flatterwesen und Suite in einer
wahren Wort-Ton-Symbiose zusammengeführt.
Insayif, bekannt als experimenteller Sprachkünstler, überlässt
in diesem Lyrikband nichts dem Zufall, seine libellen –
tänze sind fein säuberlich durchkomponiert. Jede Silbe
hat ihre Bedeutung und jede Hebung ihre Funktion. Zugrunde liegen
diesem ausgefeilten lyrischen Libellenwörterteppich Bachs
Cellosuiten, die Insayifs Texten den formalen und, wie er selber
meint, „atmosphärischen“ Rahmen gegeben haben.
Hier folgt die Poesie den Regeln der Musik. Gerade weil beides
hier untrennbar zusammengehört, ist diesem Buch auch eine
CD beigelegt: Bachs Cellosuiten, einfühlsam interpretiert
von Martin Hornstein, und die Gedichte, gelesen vom Autor selbst.
Nach den Regeln der Musik
Ausgangspunkt für die lyrische Komposition ist ein Stammgedicht,
dessen Verszeilen die Suitegedichte eröffnen: „so
hebt ein körper sich hinauf ins blau / worauf verwebt ein
tropfen schwarz als band / im flügel teich erhitzt lebt
licht verwandt / ein prachtsmaragd erbebt durchblitzt vom tau
/ ganz auf zu tauchen still in harz gebannt / libellen tanz
im taumel flug vermählt“ Als inhaltliches Herzstück
bildet es die Makrostruktur des Bandes und verweist nicht nur
formal auf Bachs Cellosuiten. All diese Tanzgedichte werden
außerdem noch von zwei Textbändern gesäumt.
Als Rahmen fungieren ein durchlöcherter „Materialblock“,
der sich den Suitegedichten torsohaft entgegenstellt, und ein
„Störvers“, der die semantischen Bildsequenzen
bricht. Etwa so: „ellen lang den atem schroff ins schorf
geflügelt / dicht am ton geführt was not am wort gespuckt
/ nah vor ort in allen farben wie zerstäubt …“
Neue Einsichten in Text und Musik lassen sich jedoch auch abseits
des Kompositionsprinzips, das in einem klugen Nachwort erhellt
wird, gewinnen. Der Band lädt dazu ein, in den Wortfluss
einzutauchen und sich mit der poetisch tanzenden Libelle treiben
zu lassen. Man folgt ihr in ihren irritierenden glashellen Bewegungen
und Schwingungen, lauscht der Musik und staunt über diese
kunstvolle und wunderbare poetische Arbeit.
Ins Zoologische eingeloggt
Insayif loggt sich hier in Zoologisches ein und verweist mit
dem Untertitel seines Bandes „blau pfeil / platt bauch
/ vier fleck“ auf bekannte Bezeichnungen der Libelle.
Auch sonst hat er das Wesen dieses Tieres genau studiert. Da
häutet sich ein Larvenkörper, fliegt steil in die
Höhe und schnellt in einer Schraubbewegung „zum bogen
saum des himmels“ empor. Metallern schimmert der Körper,
mosaikartig strahlt das Kleid. Ein wahrer Smaragd eben. Erhaben,
„gebändert und „licht gereift“. Insayif
hat diesen Tanzbewegungen einen fast sprachmagischen Anstrich
gegeben. Wenn ein „facettenauge seinen mond“ teilt
und sich „mit tausendfachem Blick die innenbühne
seines himmels“ öffnet, so tut sich eine Ahnung auf
von der Einsamkeit und Weite der Flugzonen. Denn präzise
verbalisiert er den Tanz in poetischer Zeitlupe, während
er die Wörter aus herkömmlichen semantischen Vernetzungen
schält und sie mit neuen Bildinhalten anreichert. Taumelnd,
zappelnd, sich nähernd, um ringend kippend – Insayif
hat eine Vorliebe für das Partizip - geht hier vieles vor
sich, bis sich am Schluss der Kreis wieder zur Musik hin schließt:
„ein blaupfeil klar als urton aller quellen / im bauch
vereint zum mosaik die schar / der klänge selbst im augenblick
libellen“. Das Sich-Häutende und Gehäutete schwingt
sich auf - und klingt.
Maria Renhardt
Die Furche Nr.7/17. Februar 2005
libellen tänze
Semier Insayif
Haymon Verlag, 2004
70S., € 29,90 (inkl. Audio CD)
Semier Insayif hat nach seinem Lyrik-Band über gänge
verkörpert eine weitere Meisterleistung vollbracht. In
seinem neuen Buch libellen tänze bedient er sich klassischer
Sprachmuster, die er an klassischer Musik ausrichtet, im konkreten
Fall an sechs Cello Suiten von Sebastian Bach. Drei davon, die
Suiten 1-3 (BWV 1007, 1008 und 1009) werden von Martin Hornstein
auf einer Audio CD wiedergegeben, die dem Buch beigelegt ist.
Die Meisterleistung von Semier Insayif besteht nun einerseits
in der formalen Struktur der Gedichte und andererseits in ihrer
Ausdruckskraft. Einen Einblick in dieser Struktur verleiht das
Nachwort von Roland Leeb: „Ausgangspunkt oder Endpunkt
oder beides ist das vom Autor so bezeichnete Stammgedicht. Es
bildet sozusagen die große Struktur des Textes. Angelehnt
an die sechs Suiten von Bach für Violoncello solo hat es
sechs Zeilen. Diese Zeilen sind getragen durch einen steten
Wechsel von betonten und unbetonten Silben…“ Die
große Herausforderung dabei liegt in der Assoziation zur
Musik. Johann Sebastian Bach war bekanntlich ein Meister der
Form. Wer sich hier literarisch messen will, legt sich die Latte
hoch. Das leichte, ungezwungene Herangehen von Semier Insayif
an die musikalische Vorlage ist nun ein idealer Weg, um nicht
zu scheitern. Das Verbinden von Text und Musik ist schließlich
ein riskantes Unterfangen und wirft Fragen auf: Verlangt ein
Meisterwerk nach seinem Ebenbild? Oder vielmehr nach seiner
Ergänzung?
Eine Textprobe:
prélude (S. 58)
libellen tanz im taumel flug vermählt
sich in und um einander jenes paar
den königlichen blick nach oben richtend
wo paarungsräder doppel flügel reich
berauscht sich über weiden zweige schlagen
mit ihrem wesen wesensfrei vereint
In der Naturbetrachtung liegt vielleicht ein Schlüssel
zur Antwort auf die oben gestellten Fragen. Die Natur sucht
schließlich ständig nach Ergänzung. Ihre „Meisterwerke“
sind vergänglich und verändern sich ständig,
ihre Wesen erwarten die Ergänzung, um sich anzupassen,
weiter zu entwickeln, eine neue, vollkommenere Welt zu erschaffen.
So gesehen ist jedes natürliche Meisterwerk ein temporäres
wie auch das menschliche Kunstwerk als Teil der „natur-menschlichen“
Existenz.
Lesen und Versinken.
Peter Schaden
FREIE ZEIT ART
Leichtflügeliger Pegasus
Ein Cellist und ein Dichter interpretieren Bachs Cellosuiten
Jede Aufnahme der sechs Cellosuiten des Johann
Sebastian Bach verlangt über das übliche Maß
hinaus Intuition und Imagination. Das Autograph der (in einem
schiefen Vergleich oft als „Altes Testament des Cellospiels“
bezeichneten) weltlichen Tänze, die Bach um 1715 komponiert
hat, ist verlorengegangen. Dem Interpreten obliegt es, nach
einer Abschrift von Anna Magdalena Bach gefühlvoll eine
Lesart sowie Spielweise zu entwickeln, dem Poeten ähnlich
eine lautliche Konkretisierung nach rhythmischen, melodischen,
formalen Vorgaben zu suchen.
Martin Hornstein, der Cellist des preisgekrönten Altenberg-Trio,
und der 1965 in Wien geborene Semier Insayif haben sich gemeinsam
– dem Resultat nach zu schließen: tiefgreifend –
mit diesen Suiten beschäftigt. Im Haymon-Verlag ist nun
ein schöner kleiner Band erschienen, der die CD von Hornsteins
Einspielung der Suiten Nr. 1 – 3 und Insayifs Gedichte
unter dem Titel libellen tänze als sich bedingende und
ergänzende Interpretationen vereint.
Der Cellopart, den Martin Hornstein im Dezember 2003 aufgenommen
hat, besticht und ergreift in seiner gefühlvollen Präzision;
Semier Insayifs Lyrik baut ebenfalls ein ästhetisches Gebilde
in Sinnlichkeit und System, das er metaphorisch zum Thema macht.
Seine sechs Gedicht-Suiten drehen sich um die Libellen, auch
Wasserjungfern oder Himmelspferde genannt, deren leichte Flügel
er in genaue Versfüße und Reimschwingungen, in eine
vielschichtige Gesamtkomposition setzt. Die poetische Tonart
gibt ein Sechszeiler als „Stammgedicht“ mit einem
jambischen Auftakt und einem betonten Versende an:
so hebt ein körper sich hinauf ins blau
worauf verwebt ein tropfen schwarz als band
im flügel teich erhitzt lebt licht verwandt
ein prachtsmaragd erbebt durchblitzt vom tau
ganz auf zu tauchen still in harz gebannt
libellen tanz im taumel flug vermählt
Gewiß, die Absturzgefahr in die Kitschgrube ist groß.
Trotz kleiner Ausrutscher gelingt freilich die ästhetische
Gratwanderung, weil Insayif das Titelbild und dessen übertragene
Bedeutung ständig präsent hält, in Anlehnung
an Bach: Leichtigkeit und Genauigkeit, Ernsthaftes und Spielerisches,
Mehrstimmigkeit in der Einstimmigkeit - ohne das übliche
Fundament eines Generalbasses ersteht bei Johann Sebastian Bach
eine Polyphonie, wie sie bis dahin einem einzelnen Streichinstrument
kaum zuzutrauen war.
Semier Insayif beginnt das „Stammgedicht“ zweideutig,
mit einer Hebung, dem poetischen Auffliegen. Ein Insekten- und
Lyrik-Körper, mit Binnen- und Endreimen, fein vernetzt:
die drei Elemente Luft, Wasser, Stein; das Licht und zwei Farben,
dazu die Ästhetik des Edelsteines; die drei Bewegungsarten
Tanz, Taumel, Flug und die Immobilität auf Dauer im Harz
(das wiederum dem Cellobogen Griff verleiht); die drei Verbindungs-Partizipien
„verwebt – verwandt – vermählt“;
die leichte Bewegung im Wortlaut „tau – tauchen
– taumel“.
Jeder Vers des „Stammgedichtes“ steht für eine
Suite; jeder Suite ist ein Gedicht zugeordnet, das jeweils mit
dem entsprechenden Vers aus dem „Stammgedicht“ einsetzt
und sich zugleich aus den Anfangsversen der einzelnen, ebenfalls
sechszeiligen „Tanzgedichte“ prélude, allemande,
courante, sarabande, menuett, gigue zusammenfügt. Zu dieser
internen Dreifachstruktur kommen drei weitere Ebenen: Die Untertitel
von Suite 1 und 2, 3 und 4, 5 und 6 ergeben die Libellennamen
Blaupfeil, Blattbauch und Vierfleck; jedem Gedicht ist ein „Materialblock“
vorausgeschickt, in dem Vokale fehlen und der so in Insayifs
Vortrag einen ganz eigenen Ton erhält; und am Ende der
Seiten stehen „Verstörverse“ in einem anderen
Rhythmus. Wie der „Materialblock“ textaufwärts,
so konterkarieren sie textabwärts dann doch wieder das
schöne System, irritieren sie das semantische Umfeld, unterlaufen
sie kursiv und leicht ironisch die in den „Tanzgedichten“
aufgebauten Naturbilder: „widersacher hinters licht geführt
im schein“ oder „teilt sich pfeilt sich sattsam
quer zum wortgefüge“.
Bachs Präludien lassen eine große gestalterische
Freiheit zu, sie liefern den emotionalen Grundcharakter der
Suiten. Insayif legt hier seine lyrischen Fundamente für
die jeweilige lyrische Suite an. Im ersten prélude in
G-Dur etwa: „so hebt ein körper sich hinauf ins blau
/ aus seinen häuten häutend schlüpft beschwingt
/ [...] / adonis gleich azur als jungfer hebt / er schraubend
sich zum bogen saum des himmels“. Die Metamorphose von
der Larve zur Libelle, von der (Noten-)Schrift zum Ton setzt
so ein, im letzten Vers das Musikinstrument assoziativ einbindend
– Hornstein spielt einen eigens für die Aufnahme
angefertigten Bogen. Der fünfte Vers allerdings scheint
mir eine jener Passagen zu sein, in denen der sentimentalische
und bildhafte Bogen überspannt ist. Diese Gefahr benennt
das zweite Präludium: „verliert der flug ersehnte
leichtigkeit“. Schön hingegen die Motiv-Wiederkehr
am Ende von menuett Nr. 2: „die wiesen einsam wie ein
bogen strich / befreit in tiefer abgeschiedenheit“.
In seiner Programmdichtung, die keineswegs nur fix an einem
Konzept hängt, schafft Semier Insayif eindringliche Bilder
und Klänge, in denen Form und Inhalt klug verwoben sind,
fein die Libelle und die Lyrik zeichnend, wie im vierten Präludium:
„ein prachtsmaragd erhebt durchblitzt vom tau / beschreibt
auf und ab sich hebend senkend“.
Gert Jonke hat die Beziehungen von Musik und Dichtung intensiv
reflektiert. Das Nachwort des Lektors Roland Leeb bietet ein
erhellendes Zitat von Jonke und liefert eine genaue Beschreibung
des Konstruktionsprinzips der libellen tänze. Spannender
wäre es vielleicht gewesen dem Hör- und Lese-Publikum
selbst die Erkundung der Bau-Weise anheimzustellen – wie
das in den, ebenfalls bei Haymon erschienenen Bänden von
Ferdinand Schmatz, mit dem Insayif einiges verbindet, der Fall
ist. In maler als stifter schreibt Schmatz 1997 einen Satz,
der auch für Insayifs Poesie gelten kann, wenn man Bild
durch Ton ersetzt: „Meine subjektive Perspektive schließt
sich durch das dichterische Ordnen des Bild- und Wortmaterials
auf.“
Ein schöner Band, dem der Verlag leider im Umschlagtext
nicht so viel Sorgfalt angedeihen ließ, wie es der Feinfühligkeit
des Suiten-Projektes entsprochen hätte: Man muss kein Purist
sein, um den logischen und sprachlichen Defekt der Formel „im
wahrsten Sinne des Wortes“ zu erkennen. Völlig recht
hat die Verlagsankündigung immerhin, das entschieden Neue
hervorzuheben: Diese libellen tänze, Buch und CD, sind
ein musikalisch-poetisches Universum, das zu sinnlichen Entdeckungen
einlädt.
Klaus Zeyringer
Literatur + Kritik, März 2005
Bach lyrisch betrachtet
Die sechs Cellosuiten von Johann Sebastian Bach, lyrisch interpretiert
von Semier Insayif.
„blau pfeil platt bauch vier fleck“- so lautet der
Untertitel eines der ambitioniertesten Lyrikprojekte der letzten
Jahre. Die bei Haymon erschienenen „libellen tänze“
des Wiener Autors Semier Insayif und des Cellisten Martin Hornstein,
Gründer des „Altenberg Trios Wien“, vereinen
das ehrgeizige Projekt einer kompositionsgetreuen Interpretation
der Bach´schen Cellosuiten mit dem nicht minder ehrgeizigen
Versuch, sowohl diese Musik als auch den poetischen Begriffskosmos
ihrer Entstehungszeit lyrisch zu reflektieren.
Semier Insayif befasste sich bereits in seinem vorangegangenen
Lyrikband „über gänge verkörpert“
(Haymon 2001) mit dem Transponieren eines zeitabhängigen
Phänomens, nämlich mit den Bewegungen des menschlichen
Körpers in die Form der Lyrik. Insayif, der neben seinen
Aufgaben als Verantwortlicher für den Siemens-Literaturpreis
und für diverse Schul- und Nachwuchsliteraturwerkstätten
auch als Fitness-Instruktor und körperorientierter systemischer
Berater tätig ist, hat sich mit seinem neuen Lyrikband
einem zweiten großen Faszinosum seines eigenen Lebens
zugewandt: der Musik, konkret den sechs Cellosuiten von Johann
Sebastian Bach.
Von seiner ersten Begegnung mit diesen Stücken und den
als hochdramatisch empfundenen Hörerlebnissen bei den Konzerten
Martin Hornsteins bis zu dem vorliegenden Buch samt CD vergingen
viele Jahre. Jahre, in denen Semier Insayif nicht nur alles
las, was er über den Komponisten Bach und die deutsche
Poetologie seiner Zeit finden konnte, sondern in denen er, Insayif,
sich auch selbst lange Phasen des Schreibverbots auferlegte.
Kein voreiliges Niederschreiben sollte den diffizilen Prozeß
der Textgenese stören, kein agitatorisches Verfassen vorläufiger
Schreibstücke von den wichtigen Fragen ablenken: Kann man,
lyrisch gesehen, dem Komponisten Bach überhaupt gerecht
werden? Wie kann man sich, als viel später Geborener, der
Zeit und ihrem Literaturverständnis annähern? Und
nicht zuletzt: wie wird man sich selbst dabei gerecht?
Ihm war, so Semier Insayif, während dieser Vorbereitungszeit
recht bald klar, dass der selbst gestellten Aufgabe nur durch
ein selbstbewusstes Einbringen der eigenen dichterischen Identität
beizukommen war, ja dass das Wesen Johann Sebastian Bachs und
seiner Zeit nur durch das Sosein des heute lebenden Dichters
gefiltert werden konnte wie Wasser, dass viele Gesteinsschichten
durchläuft, um am Ende der obersten Schicht als neue Quelle
zutage zu treten.
Naturlyrik war das Leitgenre der Insayif´schen Selbstbefragung,
und das gesuchte lyrische Hauptmotiv sollte wesentliche Elemente
sowohl der Musik Bachs als auch ihrer heutigen Rezeption umfassen.
Und da war sie plötzlich, die ebenso feenhafte wie robuste,
ebenso ätherische wie erfolgreiche „Lufttänzerin“:
die Libelle! Stehend in der Luft, dann wieder vorschießend,
die Zeiten durchbrechend, elegant, kräftig und farbenfroh!
Sie ist „das materialisierte Immaterielle“, schreibt
Semier Insayif auf seiner Webpage, „sie ist Sinnbild für
das Wesen an sich!“ Zeitlosigkeit und Beständigkeit,
aber auch glamouröse, ja fast außerirdische Prachtentfaltung:
für all das stehe sowohl die Musik Bachs, als auch das
Erscheinungsbild dieses ebenso fragil wie derb wirkenden, entwicklungsgeschichtlich
bereits 300 Millionen Jahre alten Insekts. Fast immer haben
Begegnungen mit der Libelle für uns Städter etwas
Besonderes und Ephemeres, so wie die Naturempfindung selbst
oft als Anhauch einer anderen Welt beschrieben wird. Prachtlibelle,
Quelljungfer, Flussjungfer, Azurjungfer oder Moosjungfer heißen
die Libellenarten, und ihre Beinamen lauten zweigestreift, gebändert,
bronzen oder blauflügelig. Der Buch-Untertitel „blau
pfeil platt bauch vier fleck“ entspricht drei konkreten
zoologischen Spezies, nämlich den Libellen Blaupfeil, Plattbauch
und Vierfleck. Auch viele andere Beschreibungen in dieser so
abstrakt wie romantisch anmutenden Dichtung gehen auf minutiöse
Recherchen im Bereich der Insektenkunde zurück.
Die „libellen tänze“ folgen den Sätzen
der einzelnen Bach´schen Cellosuiten: Prélude,
Courante, Sarabande, Gigue usw. Ausgehend von einem „Stammgedicht“,
das als kartoniertes Lesezeichen durch die „Sätze“
des Buches leitet und von Seite zu Seite mitgenommen werden
kann, führt die Libelle durch das Werk Bachs ebenso wie
durch die einzelnen Wesenheiten zeitverschobener lyrischer Prachtentfaltung,
Reduktion und „Verstörung“. Letzteres bezeichnet
Insayif als Impuls für die am unteren Rand der Seiten mitlaufenden,
reimlos modernen „Verstörverse“, die den Tanz
der großen „Suitegedichte“ und der kleineren,
in die Suitegedichte eingeschriebnen „Tanzgedichte“
begleitet. Wer sich für die Details des historisierenden
reimtechnischen Aufbaus interessiert, der lese das Nachwort
von Roland Leeb, Germanist und kongenialer Partner Insayifs
in vielen Literaturprojekten. Hier erfährt man, wie Anfangszeilen
sich auf über- und untergeordnete Strukturen beziehen,
wie das Reimschema der Gedichte den musikalischen Schemata Bachs
folgt, wie Jambus und Trochäus verschiedene Zeitebenen
markieren, und was es mit den „Materialblöcken“
auf sich hat, das sind lückenhafte Wortsteinbrüche
als Vor- und Zwischenstufen der einzelnen Gedichte. Die Akribie
dieses Modells, dessen formelhafter mathematischer Präzision
man auch auf Semier Insayifs Homepage www.semierinsayif.com
folgen kann, sollte aber einen lyrisch empfindsamen Leser nicht
davon abhalten, die Libellenbilder einfach nur als solche zu
genießen!
Das Buch enthält eine CD, auf der der darstellerisch versierte
Autor Semier Insayif seine Libellengedichte selbst zum Besten
gibt. Spezielle Bonustracks der CD sind 3 der 6 Bach´schen
Cellosuiten, interpretiert von Martin Hornstein. (Empfehlenswert
wären zwei private Kopien von jeweils Musik und Text, die
man dann parallel auf zwei Playern abspielt!) Gelegenheit zum
Anhören gibt es auch am 20. April im Schloß Frauental
bei Deutschlandsberg in der Steiermark, Beginnzeit 19 Uhr 30.
Am Tag darauf, also am 21. April, gastieren Hornstein und Insayif
ab 20 Uhr im Innsbrucker „Literarturhaus am Inn“.
Und in der Nacht vom 15. auf den 16. April sind die „libellen
tänze“ auch im Radio zu hören, nämlich
auf Österreich 1 in der Sendereihe „Nachtbilder -
Poesie und Musik“, Beginn acht Minuten nach Mitternacht!
Text: Edith-Ulla Gasser
BUCHKULTUR Heft 98 April/Mai 2005
Semier Insayif: libellen tänze.
Gedichte nach den sechs
Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach.
(Mit einer CD mit Aufnahmen der Suiten 1-3, gespielt von Martin
Hornstein.)
Wien/ Innsbruck: Haymon 2004
Bachs Musik in Lyrik umsetzen zu wollen, ist verwegen. Dieser
Jahrhundertmusik, einem der Höhepunkte menschlichen Form-
und Ausdruckwillens überhaupt, kann man sich nur mit einer
Mischung aus Mut, Unbekümmertheit und Unschuld nähern.
Der Lyriker Semir Insayif bringt diese Voraussetzungen, plus
einen entschiedenen Spielwitz mit der Form auf engstem Raum,
mit.
Sein Unternehmen, dieser Musik in Poesie zu entsprechen, erweist
sich als ein durchstrukturiertes Projekt: Insayif kondensierte
vorerst die Atmosphäre der Bachschen Solostücke in
einem Ursprungsgedicht. Die Musik wird ihm so Materie, „Mutterstoff“,
er subtrahiert daraus eine Grundform, deren phonetisches, assoziatives
und metaphorisches Potential nun ausgereizt, variiert und permutiert
wird. Im Buch als „Stammgedicht“ vorangestellt wird
es auf einem Loseblatt zum Vergleich mit den folgenden Variationen
und Extemporierungen beigelegt.
Drei Ebenen – in verschiedenen Typen und Punktgrößen
gesetzt – gliedern jeweils eine Seite des Buches. Mittig
steht dabei ein sechszeiliges Gedicht in symbolisch-naturnahem
jambischem Ton; zerhackt wie im Stroboskop findet sich klein
gedruckt darüber eine lautsprachliche Material-Variante,
und als dritte, kontrapunktische Struktur läuft am unteren
Rand der Seite eine kursiv gesetzte Textzeile; insgesamt ergeben
diese unten durchlaufenden Einzelzeilen ein Gedicht pro Suite
und finden sich zusammengefasst am Ende jeder Sonate nochmals
komplett abgedruckt.
Konstruktiv eingesetzt wird - wie bei Bach - die Variabilität
und Wiederholung eines relativ schmalen Materials (man denke
nur an Bachs Fuge auf den eigenen Namen, den er als Abfolge
der Töne b-a-c-h ins Notensystem transferiert). Insayif
folgt seinerseits einem engen Vokabular und Metaphernfeld, das
sich um ein Ursprungsbild ziehen lässt: die Grundfigur
von Libelle/ Pfeil, aus der sich wiederum Bilder von Flug, Verpuppung
oder Teich herleiten, und wo ein Pfeil ist, ist auch der Bogen
mitzudenken, wird gespielt mit den assoziativen Metamorphosen
der Poesie: die Libelle ist der Pfeil ist der Ton, der von der
Saite kommt unter der Erregung des Bogens.
Vielfältig sind die Wechselbeziehungen zum musikalischen
Spiel, manche nahe liegend, manche erst beim Anhören der
CD, die das Gedicht dem jeweiligen Sonatensatz voranstellt,
als Effekt erkennbar. Die am unteren Seitenrand kursiv gesetzten
Einzelzeilen erhalten so etwa den Charakter von Interpretationsangaben,
wenn unmittelbar auf sie das Cellospiel einsetzt: „nah
vor ort in allen farben wie zerstäubt“, betrifft
so die Courante aus der ersten Solosuite, „schlag auf
schlag in leisen spiegeln schnaufend quer zu“ die darauf
folgende Sarabande.
Letztere Zeile könnte sich auch auf Martin Hornsteins Einspielung
beziehen, dessen ruhig-luzides, durchsichtiges Spiel das Aufschlagen
der Fingerkuppen auf Saiten und Griffbrett deutlich hörbar
macht. So ergibt sich besonders in den schnellen Sätzen
eine eigene percussive Ebene unter der primären Musik,
und das Atemschöpfen des Cellisten wiederum macht das Spiel
hörbar als ein Eintauchen in ihre wortlose Artikulation.
Ein Problem des Textes wird hier allerdings auch sichtbar: Insayif
folgt einerseits rhetorisch und formal den Bachschen Sätzen,
andererseits aber nicht im rhythmischen Diskurs - seine Sprache
tänzelt fast durchwegs in jambischen Hebungen, wo Bach
Tanzformen und Tempi kontrastiert. Daraus ergibt sich, trotz
eingebauter „Störzeilen“, die Gefahr einer
gewissen Bewegungsmonotonie in den Gedichten.
Im Vokabular, den Bausteinen seines Textes, ist Insayif trotz
gezielter Verfremdungseffekte dem Fünfzigerjahreton einer
symbolistischen Naturlyrik manchmal zu nahe: Azur und „feen
thron“, Jungfer und Mond, Teich und Wiesen stehen als
Marker für eine träumerisch expressive Idyllik, die
auch von düsteren Dingen raunt: faulig, lahm, winselnd,
Opfer, Kerker, Fluch und Qual. Natürlich könnte man
nun argumentieren, das sind Chiffren, die sowohl dem Bachschen
Weltbild entsprechen und sich auch kaleidoskopisch aus der Grundmetapher
der Libelle herleiten, spätestens hier stößt
man aber auf das Grundproblem eines solchen synästhetischen
Entsprechungsversuchs: Musik öffnet Bedeutungsräume
und strukturiert Emotionen, Sprache dagegen, will sie nicht
diffus sein, verengt in der Benennung, muss mit dem Oszillieren
von Bedeutungsintervallen arbeiten, um aus deren Obertonschwingungen
vielleicht eine Spur von dem zu erreichen, was die schlichte
Cellosaite kann.
Insayifs Poetik ist verspielt wie raffiniert, in sich verliebt
wie zärtlich, sie tänzelt und springt und bleibt letztlich
doch in ihrer Sprachwelt eng bei sich, eingezirkelt auch in
der Bachschen Rhetorik, die sie wie von innen her zu erfüllen
sucht. Der Zyklus zeigt sich als kooperatives Experiment, ein
Versuch, und der Leser kann abschätzen, wo ihm die Adäquation
gelingt. Als Frage aber bleibt unentschieden: Will er, der Autor,
der Musik dienen? Oder sucht er von ihr die Emanzipation?
Der Haymon-Verlag hat ein Schmuckstück an Editionsarbeit
vorgelegt. Von innen her glühend der goldrote Harzton von
Wirbel und Schnecke des Cellos am Coverfoto, luftig, aber auch
tänzerisch kräftig, wo notwendig, die Einspielung
von Martin Hornstein. Während der Text allen sechs Sonaten
folgt, finden sich auf der beigelegten CD allerdings nur die
ersten drei, und bis zu den Saiten, die Hornstein spielt, sind
zwar alle Details vollständig angeführt, nicht aber
die Angaben zu den CD-Tracks. Vielleicht gibt das dem Leser
von Insayifs dicht geflochtenen Textgefügen aber den Raum,
um einzutauchen in die Frage an Lust, Rätsel, Spiel und
Text.
LESEPROBE:
(S.61)
an flüg l spitz n
wie flüchtig sitz nd spur los ein zu sink n
b fühl nd leib g dank n blätt r skizz n
um hüg l
b wegungs los g meinsam zu b flieg n
g heim verbund n aug in aug die flüg l
sarabande
an flügel spitzen
wie flüchtig sitzend spurlos einzusinken
befühlend leib gedanken blätter skizzen
um hügel
bewegungslos gemeinsam zu befliegen
geheim verbunden aug in aug die flügel
mund zu ohr im klang behutsam bogen flug
Martin Kubaczek
Literaturhaus Wien
In Art einer Endlosschleife interagieren Noten/Töne und
Schriftzeichen in diesem Band, basierend auf den sechs Suiten
für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach. Drei der
Suiten liegen als CD bei.
Beide Gattungen, Musik und Literatur, öffnen sich füreinander;
was die Leserin liest bzw. hört, schwingt ineinander, fließt
ineinander, um in einer gemeinsamen Anverwandlung zu münden
und sogleich wieder hinauszutreten und sich zu öffnen für
ein nächstes Aufeinanderzubewegen.
Eine ansprechende, schöne Zusammenarbeit des Autors Semier
Insayif und des Cellisten Martin Hornstein.
Reviewed by Petra Ganglbauer
28 September 2005
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