Martin Hornstein
   
         
 
Textbeispiele zu "bodenlos"
 

ich dir


ich lege ein wort
unter deine zunge
vergesse es in dir
und lasse es wachsen
ruhig und ungewiss
wann es sich öffnet
weiß niemand

 

 

un mögliches ende

sag mir
wer möchte schon – ohne bäume
und sag mir
wer möchte schon – ohne himmel

wem gelingt es
keine antwort zu geben
nur fragen zu stellen
und trotzdem teil zu haben
ganz und gar
der verfärbung zu lauschen
den vogelzug abzuwinken
der vertonung zu widerstehen
die verzweiflung zu verschlafen

kein blatt hält seinen zweig aus zwang – und doch
kein flügel färbt freiwillig die erde – und doch

geduld ist zu streichen
geschmack selbst trägt keine knospen
gefühl scheint zu kühl
nur als wort
ist das für und das wider ein gegen
teil nur als teil einer zahl einer zählung

sag mir – wo endet die zunge
sag mir – wo endet die schrift der vögel

ver spricht sich ver sagt und ent fliegt

 

 

بِدون قَرار
bidūn qarār


ich ritze buchstaben
in ewiges eis
(aber was ist schon ewig?)
حَرف وَ حُروف
ħarf wa ħurūf
حِريف لا خَروف
ħirrīf la charūf
stanze ganze silben heraus
breche sie ab und
zu fällt ein wort
auf meine zunge
wird starr vor kälte
zeile für zeile schmilzt
verwässert im mund
vermischt sich mit speichel
und tropft langsam
aus mir heraus
in mich hinein
lippengrenzland
شَفَوات حُدود بُلدان
schafaūāt ħudūd buldān

ich ritze das wort haut
قِشرة زَبَد جِلد بَشَرة
dschild baschara qischra zabad
in die rinde eines baumes
in das grün eines blattes
(aber was ist schon grün?)
das wort steckt fest
als schrei meiner hand
unter der haut meiner finger
bekränze ich es mit linien
strichen und punkten
und begrenze mich
erst schriftlich dann mündlich
ثُمَّ شَفَوي تَحريري
taħrīrī thumma schafaūī

ich ritze buchstaben und worte
auf meine blaue zunge
perlt rote tinte
لِسان أزرَق
lisān azraq
حِبر أحمَر
ħibr aħmar
ich stanze gedankenzeilen
(aber was ist schon ein gedanke?)
breche in ihr fleisch
und sauge verse
aus transparentem blut
دَمٌّ شَفافٌ
dammun schafāfun
auf die lippen gebissen
unter den gaumen gekehrt
wird jede silbe zum gegenteil
ihrer angestrebten freiheit
حُرِّية
hurrija

buchstaben ritzen mir
weiße streifen aus papier
unter die augen lider
öffnen und schließen
die stille der luft
سُكون ألهَواء
sukūn al-haūa:
(aber was ist schon stille?)
verstropfen verstopfen
die wunder und wunden
in mir und um mich herum
eiszapfenlandschaft
bricht
stück für stück
wort für wort
hund für herz
und herz für hund
كَلب لِلقَلب
kalb lilqalb
وَ قَلب لِلكَلب
wa qalb lilkalb
ganz am grund ab gelegt
(aber was ist schon ein grund?)
und boden
los

 

 

gehen gehen gehen


solange die gegend hält
solange die gegend noch gegenhält

ziehe das blatt unter den füßen hervor
das grüne das gelbe das braune das weiße

ziehe den boden unter den füßen hervor
und wundere mich über den nächsten schritt

gehen gehen gehen

solange die gegend gegend ist
solange die gegend noch gegend ist

ziehe den stein unter den händen hervor
den kalten den warmen den eckigen runden

ziehe den vogel unter den händen hervor
den kleinen den großen den bunten den schwarzen

gehen gehen gehen

solange die gegend nur gegend ist
solange ist gegend kein ort

ziehe die luft aus der kehle
die neblige klare die träumende kranke

ziehe das wort aus dem leib
das leise laute tröstende unheilvolle

gehen gehen gehen

solange die gegend nur um mich ist
solange ist gegend nicht ich

zwischen gärten und gärten
frag mich ob garten gegend ist oder ort

zwischen zäunen und zonen
frag mich ob zone gegend ist und zaun nur ein wort

gehen gehen gehen

solange die bäume er/zählen
solange die bäume noch schreiben

 

 

du hast nur einen wunsch
sagst du

dich mit haut und haar zu verpflanzen
dich ein aus und um
zu pflanzen
als wolkenknäuel in der erde zu stecken
deine wurzeln als docht ins feuer zu halten

nur einen wunsch hast du
einen wunsch

deine augen tief zu vergraben
sie unter die trockene rinde
eines alten baumes zu schieben
mit deinen armen und fingern
in die letzten grashalmspitzen zu wachsen
und dich hin und her zu wiegen
wenn der wind es so will

nur einen wunsch
einen wunsch hast du

mit den feinsten verästelungen
deiner winzigen lungenbläschen
ins blattgeäder eines ahorns zu pusten
und aus seinem inneren grün
herauszuschreien bis leuchtkäfer
wie wild den mond anheulen
waldgeister ihre bärte verlieren
und schneeeulen ihre geduld

du hast nur einen wunsch
einen einzigen wunsch hast du

die fährte des farnes aufzunehmen
dich büschelweise einzusetzen
ins schwarzdichte erdreich
aus dem unterholz hervorzukriechen
dich rechtzeitig wieder
büschel weise aus zu reißen
wie jenes kind damals und heute
die beine der surrenden fliege
die krachend im maul
der schmatzenden kröte verschwand

du sagst
nur einen wunsch hast du

es möge dir einmal – nur ein einziges mal gelingen
dich in grund und boden eines weißen blattes zu schreiben

 
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