Martin Hornstein
   
         
 
Martin Hornstein
 

du warst mir freund
du warst mir familie
du warst mir künstlerischer gefährte

und bist es noch

für m

mai achtundneunzig. es war ein lauer tag. der neunzehnte tag des monats. zweiundzwanzig grad. sonnig. nur wenige wolken. um neunzehnuhrzehn noch immer mild. gemeinsam angekommen. musikverein. karten abholen beim portier. zwei freikarten bekommen. von m. ihrem vater. gingen in richtung brahmssaal. sie mit mir. oder doch eher umgekehrt. ich mit ihr. reihe siebzehn. programm kaufen. lesen. lächeln. m´s mutter begrüßen. plätze vier und fünf. neugierig. im programm lesen. fünftes und letztes zykluskonzert der saison siebenund-neunzig achtundneunzig. altenberg trio wien. robert schuhmann. drittes trio für pianoforte, violine und violoncello g-moll, opus einhundertzehn. alle drei auf die bühne. erst c dann a dann m. m kommt als letzter. steht auf der rechten seite der bühne. vom zuschauerraum aus gesehen. verbeugung. m blickt ins publikum. sucht seelenruhig gesichter. findet sie. und schmunzelt. m grüßt mit hochgezogenen brauen. beim aufrichten des oberkörpers. wieder blick ins publikum. auf die andere seite. wieder entdeckungen. und grüßendes lächeln. m. das ist also m. dann setzen sich die drei. konzentration. stille. und musik. fliegt. vier sätze. "Bewegt, doch nicht zu rasch – Ziemlich langsam – Rasch – Kräftig, mit Humor." durchatmen und pause. lächeln. gespräche. blick in ihre augen. wie stolz sie ist. wie sie strahlt. sein celloton in ihrem gesicht. in meinen ohren. zurück in den saal. reihe siebzehn. johannes brahms. trio nummer eins h-dur, opus acht (fassung achtzehnhundertvierundfünfzig). lauschen. im programm lesen. „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.“ zur gleichen zeit. "Allegro con moto – Scherzo. Allegro molto – Adagio non troppo – Finale. Allegro molto agitato." stille. ein raunen. applaus. begeisterung. aufstehen. verbeugungen. lächeln. von der bühne gehen. wieder zurückkommen. drei mal. danach. hinter die bühne. studentinnen. studenten. freundinnen. freunde. bewunderungen. worte. sätze. laute. gemurmel. und ein lachen das von weitem zu hören ist. voll und laut und los gelassen. brausend stürmend. langer nachklang. rhythmisch. springend. hüpfend. mit ton und luft im wechsel. warten. langsam vorwärts hin zum zimmer. reden und erzählen. stimmen und rauschen. sie mit mir. und umgekehrt. schon neugierig. bis auf sichtweite. und er. im hemd. verschwitzt und nass. plaudernd. redend. gestikulierend. sein strahlen voll gefüllt. musik. und dann die arme offen. seine. meine. umarmt wie m hat niemand sonst. niemand packt so zu. so klar. so fest. so warm. niemand umschließt so sehr. so vollständig. so ganz. im augenblick. willkommen. eingehüllt. mein druck der arme. nichts anderes als ein danke. und mehr noch. freude. über diesen anfang. anfang für das kommende. anfang für das gehende. so war der anfang. von beginn an. ein empfang.

null eins. eroicasaal. palais lobkowitz. wien. der sechste tag des elften monats. fünf tage nach m´s geburtstag. nichts kümmerte m weniger als der tag seiner geburt. gemeinsam mit m und bach und meinen gedichten auf der bühne. nichts kümmerte m mehr als so ein tag. das erste mal. mit m und bach. endlich. bach sechzehnhunderfünfundachtzig geboren. palais lobkowitz sechzehnhunderfünfundachtzig erster ziegelstein. wer hätte das gedacht. ich habe. ich habe es so oft gedacht. idee. gedanke. wunsch. gespräche. noch und noch. suiten bach und cello. sprechen. gedichte form struktur und singen. lachen reden lesen lauschen. jetzt und endlich jetzt. m und bach und guadagnini neben mir. und vor mir text libellen tanz und vibration.

mütterchen. einmal spielen. in einer kirche. die suiten. von bach. im passauer dom. aber wer? und wie? und publikum? aber mütterchen. nein. nur nicht. kein aufwand. keine menschen. kein publikum. ganz einfach. allein. spielen. ganz allein. das cello. bach. der dom. und ich. in der küche. nächtelang. ohne schlaf. mit bach und cello. im raum der möglichkeiten. fragen nur und fragen. keine entscheidungen. keine antworten. oder viele antworten. keine endgültigen. viele mögliche und möglichstmögliche antworten. keine letzten. bestenfalls erste. immer wieder und wieder und immer wieder. winter. neunundsechzig. oder siebzig. er mit bach. allein. und spielen. und daran denken. und darüber. und dazwischen hinein. und dahinter. doch. besessen. beseelt. erzählt er. im interview. sein lachen. ein erdbeben. voller leichtigkeit. und tiefe. erschütterung. gleichzeitig. unüberhörbar. natur. gewaltig. und spiel. es war möglich. später. viel später. am neunundzwanzigsten tag im dezember. null drei. habe ihn locken können. dazu. infiziert. von bach. infiziert durch seine infektion. von seiner entzündlichkeit entflammt. mit diesem köder im ohr. den haken ausgeworfen. beide haben wir geschluckt. den köder verschluckt. ich. der andere. nach neunundsechzig. dreizig jahre danach. neunundneunzig. seit diesem jahr. hingen wir mit und aneinander verknotet. an bach. gemeinsam. an seinem klang. an seiner struktur. an seiner sprache. in verzückter verzweiflung. und in schwebe. schwirrend. im schürfen und suchen. ein tanz. blau pfeil. mitten durch die zunge hindurch. platt bauch. nicht schmetterlinge. nicht flugzeuge. sondern libellen. und vier fleck. in aller reinheit. in all ihrer puren kraft. nicht ohne erde. nicht ohne furchen und kanten. struktur und freiheit. intuition und kontrolle. planung und improvisation. raum. architektur. und motor. artifiziell und natur. einfach und virtuos. durchwirkt. blutig und nackt. das lachen beider. von ihm und von mir. vom band. digital und gespeichert. für immer. verknotet. seit achtundneunzig. durch sie. die tochter. durch sie. die liebe. durch sie. und mit ihr. mit dabei. auf einer matte. liegend. zu zweit. sie und er. also ich. ich seh sie beide. im rückblick. im saal. in decken eingehüllt. gemeinsam. seinem atem lauschen. seinen händen. seiner angst und seiner euphorie. dem scharren. dem singen und knarzen. dem kreischen und schwitzen. dem reden und sprechen. dem flüstern und dröhnen. dem tanzen und jubeln. beinahe splittert das holz und der bogen. reißt. und stop. aufnahme. darmsaiten nackt. a und d. g und c mit silber umsponnen und wolfram. barockbogen neu. gerbeth nulldrei. schlangen-holzfeuer gemustert. piratinera guianensis. guadagnini der bauch. giovanni battista. piacenza. siebzehnhundertdreiundvierzig. ex van zweyberg. preludium. suite nummer eins. wieder und wieder. was für eine wärme. geburt. sonnenaufgang. klarhell und kalt. dieser raum eines raumes. innen. erinnert. außen veräußert. überhitzt. und das glück. geschieht und vergeht. diese liebe. vollkommen. und bach. und das alles. gewidmet. vielfach. und ihr. das ist die antwort. eine von vielen. sie hat nichts damit zu tun. und doch. schwebt sie darüber. darunter. sie führte zusammen. drei augenpaare. der blick von einem zum andern. und dann. und später. wieder geholt. dieses bild. aus den bildern. erzählt. wie sie sprechen. versunken. im dunkeln. der raum. nochmals offen. drei augenpaare. bereit. über das mikrofon hinweg. das gespräch und das herz. digital. und gespeichert. im blick zueinander. gemeinsam verschluckt diesen köder. den ton und das wort. und die stille. ist still. niemals ganz. niemals ganz.

null acht barocksaal vorau. der achtundzwanzigste tag des achten monats. r aus wien angereist mit m´s mutter. das letzte mal mit m und bach auf einer bühne. wer hätte das gedacht. ich nicht. nicht damals und nicht jetzt. so nah. sein cello neu. seit einem jahr. ein fund. geschenk von j. ein wunder fast. ist seins. noch mehr viel mehr. und glück. sein klang ein klang in mir und glück. an seiner seite. bach im cellokörper m im ohr. vibriert und singt und spricht mir in die eingeweide. was wussten wir? wir wussten nicht. wir wollten noch. so viel. und m. und bach. und frei. improvisieren. ein nächster plan und niemals stehen. niemals bleiben. immer weiter. und so gemeinsam. bach libellen tanz mit m. und bitte m. nochmals libellen tanz mit strich und bogen. nochmals libellen tanz. nochmals und bitte m und bitte …

Gefrorne Tropfen fallen / von meinen Wangen ab: / Ob es mir entgangen, / dass ich geweinet hab?/

der achtundzwanzigste tag des monats. ein tag danach. der erste tag des wissens. nein. der erste tag des erfahrens. nein. der erste tag des aufschreiens. des nicht glaubens. des verstummens und kopfschüttelns. des telefonierens. des zusammenkommens. des zusammen-stehens. des unfassbaren. des beginnenden verlassens. des verlorenseins. des bestürzens und bestürztseins. des hervorbrechens. und zusammen. des beugens. und abwischens. der tränen. mit händen mitten im gesicht. des körperkrampfens. des durchdrungenseins. des erschöpfens. der ganze tag ist nacht. irgendwie. der ganze tag ist nacht. irgendwo. ohne schlaf. der ganze tag ist nacht. irgendwann. der ganze tag ist. der ganze tag ist vielleicht gar nicht. ist vielleicht gar nicht tag. ist bestimmt nicht. ist nicht. kann nicht sein. hoffentlich. nicht. kann nicht. nicht. dieser tag. darf nicht sein. dieser tag ist nicht. der tag nach dem siebenundzwanzigsten oktober. in den letzten stunden des tages siebenundzwanzig. null neun. ist m gefallen.

/ Ei Tränen, meine Tränen, / und seid ihr gar so lau, /dass ihr erstarrt zu Eise / wie kühler Morgentau? /

m ist gefallen. ist gestürzt. m hat sein herz verloren. an wen? könnte man fragen. an wen? frage ich mich. m hat immer schon sein herz verloren. vielleicht. an die töne. an die dinge. an die lieder. an den rhythmus. an andere. an die musik. an das leben selbst. und an seine kinder. an die beiden. hat er sein herz verloren. ganz sicher. hat es dadurch vervielfacht. an tochter r und an sohn s. hat ihnen das seine geschenkt. sooft er nur konnte. auch wenn er manchmal im stillen schenkte. und sie nicht dabei waren. und zweifelten. im stillen wussten und wissen sie. er verlor es am weg. mit anderen menschen gemeinsam. und er verlor es an sie. an suchende. m hat immer gesucht. oft gefunden. nicht vertraut. hat weitergesucht. am meisten traute er der musik. war da. und war nicht da. weil er suchte. weil er immer ganz dort war wo er gerade suchte. deshalb oft weg. scheinbar nicht da. er suchte. versuchte. suchtartig. fiel er. hinein. in das ganze. hat immer gewonnen. auch wenn er verloren hat. auf unbeschreibliche art. angst. liebe. mut. und sein cello. m hat dabei auch immer verloren. wenn er gewonnen hat. sein herz und das leben. sein cello. die liebe. darüber war er sich nie sicher. weil in ihm. vielleicht. hat er sie nie verlieren können. vielleicht. war sie immer da. vielleicht. war sie da? für jeden der ihm begegnete. ihm begegnen wollte. und konnte. mit ihm auf die suche ging. mit ihm reiste. im innen und außen. auf der straße. auf der bühne. in rhythmen. in tönen und klängen. mit ihm musizierte. lernte. fragen stellte. was immer es auch kostete. für ihn und die andern. geliebte menschen freunde kollegen studenten. m hatte etwas übrig für das andere in dem einen. und für das eine in dem anderen. m hatte verdammt viel mut. m konnte staunen wie eine ganze schar kinderaugen auf einem fliegenden teppich. m war leichten sinnes. manchmal zu leichten. vielleicht. verlor die füße unter dem boden. grübelte im lachen. verlachte sein grübeln. m war schweren sinnes. manchmal zu schweren. der boden brach ein unter seinen füßen. vielleicht. m war oft so schwer wie ein berg. wie nur ein berg schwer sein kann. und zwar ein großer ein riesenhafter. m wie ein monumentaler berg. da hätte er den kopf geschüttelt. da hätte er gelacht. lächerlich. hätte m gegrinst. m hatte immer genauso viel verständnis für das ende wie für den anfang. für das verklingen eines tones wie für seinen einsatz. legte genauso viel wert auf sein brechen wie auf seinen vollen umfang. machte sich stark für das wiederaufnehmen wie für das ziehen lassen. m blickte auf einen ton nur selten zurück. beinahe nie. er hatte ja schon seine zeit. mit ihm. sagt er mir. solange er da war und. was will man mehr. wenn er fällt. ist er gefallen. wenn er steigt. ist er gestiegen. ob steigen oder fallen. ist beinahe dasselbe. von einem gewissen standpunkt aus nicht zu unterscheiden. und ohne bedeutung. im danach. wichtig nur. es ist geschehen. und schon wieder vergangen. im moment des beginnens steckt schon das ende. sage ich. aber nur als hauch. nur als begleitmelodie. als oberton. vielleicht. als kaum wahrnehmbare schwingung. ist in seiner gleichzeitigkeit. leben. ist in seiner gleichzeitigkeit. tod. besonders dann wenn der ton alles behauptet? einfach alles. die ganze welt. so wie ein gedicht oft alles zu behaupten bereit ist. alles behaupten muss. um überhaupt existieren zu können. zu dürfen. kann er das? der ton? das gedicht? kann man? soll man? darf man? will man? das mit einem ton tun? frag ich. wie entscheidet man das im moment des gebens? eines tones? im augenblick des tönens? wer oder was in einem selbst entscheidet überhaupt? ist es ein im ton hingeben? wie lautet also die frage? frage ich m. das ist doch die eigentliche frage. vielleicht. nicht einmal zu wissen wie die frage lautet. oder? die frage also lautet. immer nur. was ist? der moment. der augenblick. die frage lautet nicht. was war? oder. was wird sein? die frage ist der ton. so m. großspurig. quatsch. lacht er. die frage ist die frage. der ton ist der ton. und nicht einmal das ist ganz sicher. lacht über sich selbst. schallend und laut. die frage was ist? ist gefährlich. gefährdet. sagt m. es entsteht. es enfaltet. es entwickelt. es entgeht und entläuft. es ergeht sich im gehen. sag ich. es verläuft im verlaufen. sag ich. wohin nur wohin? es verklingt und vergeht. ist das nicht die gnade? dass es mit dem letzten ton vorbei ist. vorbei sein kann. sein darf. sagt er. freut sich und grinst.

/ Und dringt doch aus der Quelle / der Brust so glühend heiß, / als wolltet ihr zerschmelzen / des ganzen Winters Eis!

m weinte so gern wie er lachte. m aß so gern wie er kochte. m schnupperte. schmeckte. berührte. begriff. m schlief. wachte. arbeitete. spielte. rieb sich die augenlider. m liebte. versprach und vergaß. so manches. doch vieles vergaß m nie. m schnaubte. sprach. lauschte. witzelte. wog schwer. war leicht. umarmte. drang tief. verharrte. und. schwebte. was immer m machte. m machte es immer als m. m war nicht a und nicht b. nicht x y oder z. m war m. und nicht einmal das ist ganz sicher. wir lachten und

© 2011, semier insayif

 
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